Ein Dienstag im Frühjahr, ganzer Schulungstag zur neuen Auftragssoftware. Alle sind dabei, die Stimmung ist gut, am Abend kann jeder einen Auftrag anlegen. Vier Wochen später ruft die Hälfte wieder bei der Kollegin an, die sich auskennt. Die Schulung war nicht schlecht. Sie hat nur gegen die Vergessenskurve verloren, und zwar so, wie es Hermann Ebbinghaus schon 1885 beschrieben hat.
Dieser Artikel zeigt, was Ebbinghaus tatsächlich gemessen hat, welche Zahlen über die Vergessenskurve falsch im Umlauf sind und wie Sie Schulungen so planen, dass mehr hängen bleibt.
Was Ebbinghaus gemessen hat
Hermann Ebbinghaus war Psychologe in Berlin. Er wollte das Gedächtnis messen, ohne dass Vorwissen das Ergebnis verfälscht. Also lernte er Reihen aus sinnlosen Silben auswendig, etwa „bok“, „dif“, „zel“, bis er sie zweimal fehlerfrei aufsagen konnte. Nach einer bestimmten Zeit lernte er dieselben Reihen erneut und notierte, wie viel schneller es beim zweiten Mal ging. Diese Ersparnis an Lernzeit war sein Maß für das, was im Gedächtnis geblieben war.
Das Ergebnis ist die bekannte Kurve: Kurz nach dem Lernen fällt sie steil ab, danach immer flacher. Nach einer Stunde sparte er beim Wiederlernen noch etwa 44 Prozent der Zeit, nach einem Tag etwa 34 Prozent, nach einem Monat immer noch etwa 21 Prozent.
Jaap Murre und Joeri Dros haben den Versuch 2015 mit derselben Methode wiederholt. Der Verlauf war sehr ähnlich. Die Vergessenskurve ist also einer der wenigen Befunde der frühen Psychologie, die bis heute halten.
Was die Vergessenskurve nicht sagt
Gerade weil sie so anschaulich ist, wird die Kurve oft überdehnt. Drei Missverständnisse begegnen einem immer wieder.
„Nach einem Tag sind 70 Prozent weg.“ Solche Zahlen stammen meist aus einer verkürzten Lesart von Ebbinghaus. Er hat nicht gemessen, wie viel jemand noch aufsagen kann, sondern wie viel Zeit das Wiederlernen spart. Und er hat sinnlose Silben gelernt, mit Absicht ohne jeden Bezug. Was Sie in einer Schulung lernen, hat Bedeutung, knüpft an Erfahrung an und wird im besten Fall gebraucht. Es verblasst langsamer.
„Die Kurve gilt für alle gleich.“ Die Form ist ähnlich, die Steilheit nicht. Sie hängt davon ab, wie gut der Stoff verstanden wurde, wie viel Vorwissen jemand mitbringt und ob das Gelernte zwischendurch angewendet wird. Eine feste Prozentzahl für Ihre Schulung gibt es nicht.
„Vergessen ist ein Fehler.“ Vergessen ist normal und sinnvoll. Wer alles behielte, fände das Wichtige nicht mehr. Die Frage für Unternehmen ist deshalb, wie das Wichtige im Gedächtnis bleibt.
Was bleibt, ist der Kern: Ohne Wiederholung geht viel verloren, und das meiste davon früh. Das gilt auch für sinnvollen Stoff.
Was gegen das Vergessen hilft
Die Lernforschung hat seit Ebbinghaus vor allem zwei Wege gefunden, die Kurve flacher zu machen. Beide sind gut belegt, beide kosten wenig.
Wiederholen in Abständen
Wer denselben Stoff verteilt über mehrere Termine lernt, behält mehr als bei derselben Zeit an einem Stück. Eine Meta-Analyse von Nicholas Cepeda und Kollegen aus dem Jahr 2006 hat diesen Abstandseffekt über Hunderte Experimente bestätigt. In einer weiteren Studie von 2008 zeigten Cepeda und Kollegen: Der beste Abstand wächst mit der Zeit, über die das Wissen halten soll. Wer etwas nach Monaten noch abrufen will, sollte auch im Abstand von Wochen wiederholen, nicht nur am nächsten Tag.
Abrufen statt noch einmal lesen
Henry Roediger und Jeffrey Karpicke haben 2006 zwei Gruppen einen Text lernen lassen. Die eine las ihn wiederholt, die andere las ihn einmal und versuchte dann, sich ohne Vorlage zu erinnern. Kurz danach lag die Lesegruppe vorn. Eine Woche später hatte die Abrufgruppe deutlich mehr behalten. Dieser Testeffekt ist seitdem vielfach bestätigt: Jedes Mal, wenn Wissen aktiv hervorgeholt wird, sitzt es danach fester.
Für Schulungen heißt das: Eine Frage, die zum Nachdenken zwingt, hilft mehr als eine Zusammenfassung zum Durchlesen.
Ein Wiederholungsplan für Ihre nächste Schulung
Die folgende Übersicht ist ein Vorschlag, wie Sie die Wochen nach einem Schulungstermin planen können. Die Abstände wachsen, jede Wiederholung ist kurz und verlangt etwas von den Teilnehmenden.
| Wann | Was | Dauer |
|---|---|---|
| Am Ende der Schulung | Drei Fragen ohne Unterlagen beantworten lassen | 10 Minuten |
| Am nächsten Arbeitstag | Eine echte Aufgabe mit dem Gelernten erledigen | im Alltag |
| Nach einer Woche | Fünf Fragen per Telefon oder Mail, mit Auflösung | 5 Minuten |
| Nach drei bis vier Wochen | Kurzer Austausch: Was klappt, wo hakt es? | 15 Minuten |
| Nach zwei bis drei Monaten | Ein Fall aus dem Alltag zum Durchdenken | 10 Minuten |
Zurück zur Auftragssoftware vom Anfang. Mit diesem Plan hätte die Schulung am Abend mit drei Fragen geendet: Wie legen Sie einen Auftrag mit Teillieferung an? Was tun Sie, wenn der Kunde fehlt? Wo sehen Sie den Stand? Am nächsten Tag legt jeder zwei echte Aufträge an. Nach einer Woche kommen fünf kurze Fragen aufs Telefon. Nach vier Wochen trifft sich das Team eine Viertelstunde und sammelt, wo es hakt. Der Aufwand nach dem Termin liegt bei gut einer halben Stunde je Person, verteilt über Wochen.
Ob es gewirkt hat, sehen Sie am Ende im Alltag: Wird bei der Kollegin seltener angerufen? Wie Sie so etwas gezielt prüfen, steht im Artikel Lernerfolg messen.
Was das für die Planung heißt
Wer die Vergessenskurve ernst nimmt, verschiebt Aufwand. Weniger in den einen großen Termin, mehr in die Wochen danach. Statt eines ganzen Tages reichen oft ein halber Tag und vier kurze Wiederholungen. Das lässt sich neben dem Tagesgeschäft besser unterbringen und wirkt länger.
Drei Fragen helfen bei der Planung:
- Was muss in drei Monaten noch sitzen? Nur das braucht einen Wiederholungsplan. Alles andere darf nachgeschlagen werden.
- Wann wird es zum ersten Mal gebraucht? Je früher die erste echte Anwendung, desto besser.
- Wer stellt die Fragen? Eine Wiederholung, für die niemand zuständig ist, findet nicht statt.
Kurze Einheiten, die sich gut in Abständen wiederholen lassen, beschreibt der Artikel Microlearning. Wie Sie den Termin selbst und das Drumherum planen, zeigt Mitarbeiterschulung planen.
Was bleibt
Die Vergessenskurve ist kein Grund zur Sorge, eher eine Gebrauchsanweisung. Sie sagt, wann Wiederholung am meisten bringt: früh und dann in wachsenden Abständen. Wer das berücksichtigt und dabei abrufen lässt, statt nur zu wiederholen, macht aus einem Schulungstag etwas, das im Alltag ankommt. Warum das zu Erwachsenen besonders gut passt, steht im Grundartikel Wie lernen Erwachsene?.
Häufige Fragen
Was besagt die Vergessenskurve?
Dass Gelerntes ohne Wiederholung zuerst schnell und dann immer langsamer verblasst. Hermann Ebbinghaus hat das 1885 an sich selbst mit sinnlosen Silben gemessen. Ein Nachversuch von Jaap Murre und Joeri Dros hat den Verlauf 2015 bestätigt.
Stimmt es, dass wir nach einem Tag 70 Prozent vergessen?
So pauschal nicht. Die Zahlen von Ebbinghaus gelten für sinnlose Silben und messen, wie viel Lernzeit beim Wiederlernen gespart wurde. Sinnvoller Stoff, der an Erfahrung anknüpft, hält deutlich länger. Wie viel genau, hängt vom Stoff und von den Lernenden ab.
Wie oft sollte man wiederholen?
Lieber mehrmals kurz als einmal lang, und mit wachsenden Abständen: etwa am nächsten Tag, nach einer Woche, nach drei bis vier Wochen. Am wirksamsten ist, das Wissen dabei aktiv abzurufen, etwa mit Fragen oder einer kleinen Aufgabe.
Quellen
- Ebbinghaus, H. (1885): Über das Gedächtnis. Untersuchungen zur experimentellen Psychologie, Duncker & Humblot, Volltext
- Murre, J. M. J., Dros, J. (2015): Replication and Analysis of Ebbinghaus’ Forgetting Curve, PLOS ONE 10(7), DOI
- Cepeda, N. J. u. a. (2006): Distributed practice in verbal recall tasks, Psychological Bulletin 132(3), yorku.ca
- Cepeda, N. J. u. a. (2008): Spacing effects in learning: A temporal ridgeline of optimal retention, Psychological Science 19(11), DOI
- Roediger, H. L., Karpicke, J. D. (2006): Test-enhanced learning, Psychological Science 17(3), DOI



