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Wie Erwachsene lernen

Lerntypen: warum das Modell widerlegt ist und was stattdessen hilft

Von Thomas Kohns, Berufspädagoge · 07.09.2026 · 2 Minuten Lesezeit

Fragezeichen aus Papier auf dem Tisch

„Ich bin eher der visuelle Typ.“ Diesen Satz hört man in fast jeder Schulung. Das Modell dahinter ist populär: Manche Menschen lernen besser durch Sehen, andere durch Hören, wieder andere durch Tun, und eine gute Schulung bedient jeden Typ auf seine Weise. In Deutschland ist es vor allem durch Frederic Vesters Buch „Denken, Lernen, Vergessen“ bekannt geworden.

Das Modell ist eingängig und hat nur einen Haken: Es hält den Studien nicht stand.

Was die Forschung sagt

2008 haben vier Lernforscher um Harold Pashler die Belege für Lerntypen systematisch geprüft. Ihre Frage war genau die, auf die es ankommt: Lernen Menschen besser, wenn der Unterricht zu ihrem Lerntyp passt? Um das zu zeigen, braucht es eine bestimmte Art von Experiment. Man muss Menschen nach Typ einteilen, sie zufällig passend und unpassend unterrichten und dann vergleichen.

Solche Experimente fanden sie kaum, und die wenigen, die es gab, zeigten den erwarteten Effekt nicht. Ihr Fazit: Es gibt keine ausreichende Grundlage, Unterricht nach Lerntypen auszurichten. Spätere Studien, etwa von Beth Rogowsky und Kollegen 2015, kamen zum selben Ergebnis.

Lerntypen: Annahme und Befund
Vorlieben gibt es, die passende Bedienung bringt nichts

Vorliebe ist nicht gleich Wirkung

Das heißt nicht, dass Menschen keine Vorlieben hätten. Manche lesen lieber, andere schauen lieber ein Video. Diese Vorlieben sind echt. Sie sagen nur nichts darüber, womit jemand am meisten lernt.

Was stattdessen hilft

Die Form passt zum Stoff, nicht zum Menschen

Ein Handgriff an der Maschine wird im Video verstanden, von allen. Ein Ablauf mit Verzweigungen wird als Grafik verstanden, von allen. Eine Regel mit Ausnahmen wird im Text verstanden, von allen. Die Frage lautet also: Welche Form passt zu diesem Inhalt?

Wort und Bild sinnvoll verbinden

Richard Mayer hat in seiner Forschung zum Lernen mit Medien gezeigt, dass Menschen oft besser lernen, wenn gesprochenes Wort und passendes Bild zusammenkommen. Das gilt für alle und ist der wahre Kern, der im Lerntypen-Modell steckt: Mehrere Zugänge helfen, aber nicht, weil sie verschiedene Typen bedienen, sondern weil sie sich gegenseitig ergänzen.

Selbst tun mit Rückmeldung

Was man selbst getan hat und wofür man eine Rückmeldung bekam, sitzt. Auch das gilt für alle, nicht nur für die „haptischen Typen“.

Warum das für Unternehmen wichtig ist

Wer Schulungen nach Lerntypen plant, baut dreifachen Aufwand, denselben Stoff als Text, Audio und Übung, ohne Nutzen. Und wer Teilnehmenden sagt, sie seien ein bestimmter Typ, gibt ihnen eine Ausrede: „Das war halt nicht für meinen Typ.“

Die Zeit ist besser angelegt in dem, was nachweislich wirkt. Was das ist, steht im Grundartikel Wie lernen Erwachsene?.

Häufige Fragen

Gibt es Lerntypen?

Menschen haben Vorlieben, wie sie Inhalte aufnehmen. Dass sie aber besser lernen, wenn der Unterricht genau zu dieser Vorliebe passt, ist in Studien nicht belegt. Das ist der Kern des Modells, und der hält nicht.

Woher kommt das Lerntypen-Modell in Deutschland?

Bekannt wurde es vor allem durch das Buch „Denken, Lernen, Vergessen“ von Frederic Vester aus den 1970er-Jahren. International gibt es viele ähnliche Modelle, etwa das VARK-Modell.

Was ist besser als Lerntypen?

Den Stoff in der Form zeigen, die zur Sache passt: einen Handgriff im Video, einen Ablauf als Grafik, eine Regel als Text. Wort und Bild sinnvoll verbinden. Und üben lassen, mit Rückmeldung.

Quellen

  • Pashler, H., McDaniel, M., Rohrer, D., Bjork, R. (2008): Learning Styles: Concepts and Evidence, Psychological Science in the Public Interest 9(3), DOI
  • Rogowsky, B. A., Calhoun, B. M., Tallal, P. (2015): Matching learning style to instructional method, Journal of Educational Psychology 107(1)
  • Mayer, R. E. (2009): Multimedia Learning, 2. Auflage, Cambridge University Press
  • Vester, F. (1975): Denken, Lernen, Vergessen, Deutsche Verlags-Anstalt