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Wie Erwachsene lernen

Wie lernen Erwachsene? Was Unternehmen daraus für Schulungen ableiten

Von Thomas Kohns, Berufspädagoge · 02.09.2026 · 3 Minuten Lesezeit

Erwachsene in einem Hörsaal hören einem Dozenten zu

Die meisten von uns haben das Lernen in der Schule gelernt: vorn steht jemand, der es weiß, hinten sitzen die, die es lernen sollen, und am Ende gibt es eine Note. Viele Schulungen in Unternehmen folgen bis heute diesem Muster, mit Folien statt Tafel. Für Erwachsene passt es schlecht.

Die Erwachsenenbildung beschäftigt sich seit fast zweihundert Jahren mit der Frage, was beim Lernen Erwachsener anders ist. Malcolm Knowles hat ihre Antworten im 20. Jahrhundert unter dem Begriff Andragogik bekannt gemacht. Zusammen mit der Lernforschung ergeben sich fünf Grundsätze.

Wie Erwachsene lernen: fünf Grundsätze
Aus Erwachsenenbildung und Lernforschung

1. Erwachsene wollen wissen, wozu

Ein Erwachsener fragt vor dem Lernen: Was habe ich davon? Bleibt die Antwort aus, lernt er zwar mit, aber ohne Antrieb.

Für Ihre Schulung heißt das: Der erste Satz einer Einheit sagt, wofür man das braucht. Am besten mit einer Situation aus dem Alltag der Teilnehmenden.

2. Erwachsene bringen Erfahrung mit

Jeder Teilnehmende hat schon etwas erlebt, das zum Thema passt. Diese Erfahrung ist ein Vorteil, denn Neues haftet besser, wenn es an Bekanntes anknüpft. Sie kann auch im Weg stehen, wenn das Neue dem Gewohnten widerspricht.

Für Ihre Schulung heißt das: Fragen Sie nach Erfahrungen, bevor Sie erklären. Und sprechen Sie offen an, wo das Neue anders ist als das Gewohnte.

3. Erwachsene lernen an Aufgaben

Erwachsene sind auf Probleme ausgerichtet, nicht auf Fächer. Wer eine Reklamation sauber bearbeiten soll, lernt besser an drei echten Reklamationen als an einem Vortrag über das Reklamationswesen.

Für Ihre Schulung heißt das: Bauen Sie die Inhalte um Aufgaben aus dem Alltag herum, nicht um Kapitel.

4. Erwachsene wollen selbst steuern

Erwachsene sind es gewohnt, Entscheidungen zu treffen. Ein Lernweg, der alles vorschreibt und jedes Kapitel sperrt, behandelt sie wie Schüler. Das kostet Motivation. Die Selbstbestimmungstheorie von Edward Deci und Richard Ryan beschreibt Autonomie als eines von drei Grundbedürfnissen, neben dem Erleben von Kompetenz und der Verbundenheit mit anderen.

Für Ihre Schulung heißt das: Empfehlen Sie eine Reihenfolge, aber lassen Sie springen. Wer etwas schon kann, sollte es nicht noch einmal durchklicken müssen.

5. Erwachsene behalten, was sie verteilt lernen und bald anwenden

Das ist weniger eine Besonderheit Erwachsener als ein allgemeiner Befund, aber er wird in Unternehmen besonders oft übersehen. Eine Meta-Analyse von Nicholas Cepeda und Kollegen zeigt: Lernen in Abständen behält mehr als dieselbe Zeit an einem Stück. Und was nicht angewendet wird, verblasst.

Für Ihre Schulung heißt das: Lieber kurze Einheiten über Wochen als ein ganzer Tag. Und direkt nach der Schulung eine Gelegenheit, das Neue anzuwenden.

Drei verbreitete Irrtümer

Lerntypen. Die Annahme, Menschen lernten je nach Typ besser über Sehen, Hören oder Tun, ist in Studien nicht belegt. Eine viel zitierte Übersicht von Harold Pashler und Kollegen fand 2008 keine tragfähige Evidenz dafür. Mehr dazu im Artikel Lerntypen.

70 Prozent informelles Lernen. Die Regel, 70 Prozent würden bei der Arbeit, 20 im Austausch und 10 in Schulungen gelernt, ist laut einer Übersicht von Andrew Clardy aus dem Jahr 2018 nicht belegt. Als Denkanstoß taugt sie, als Zahl nicht.

Punkte und Ranglisten motivieren. Kurzfristig vielleicht. Erwachsene, die etwas für ihre Arbeit lernen sollen, brauchen vor allem einen Grund und Zeit. Eine Rangliste zeigt am Ende, wer am schnellsten klickt.

Was bleibt

Wer diese fünf Grundsätze ernst nimmt, baut andere Schulungen: kürzer, näher am Alltag, mit mehr Raum für Erfahrung und Fragen, verteilt über die Zeit. Das ist kein Luxus, sondern spart Zeit, denn eine Schulung, die nicht wirkt, ist die teuerste von allen. Wie Sie das konkret umsetzen, zeigt das Schulungskonzept in sechs Schritten.

Häufige Fragen

Wie lernen Erwachsene am besten?

Wenn sie den Nutzen sehen, ihre Erfahrung einbringen können, an echten Aufgaben aus ihrem Alltag lernen, selbst steuern dürfen und das Gelernte bald anwenden. Lernen in Abständen behält mehr als alles auf einmal.

Lernen Erwachsene anders als Kinder?

In vielem ja: Sie bringen mehr Erfahrung mit, wollen den Zweck kennen und sind stärker an Problemen ihres Alltags orientiert. Die grundlegenden Gesetze des Gedächtnisses, etwa der Vorteil verteilten Lernens, gelten aber für alle.

Können Erwachsene im Alter noch gut lernen?

Ja. Das Gehirn bleibt lernfähig. Ältere lernen oft etwas langsamer neue Einzelheiten, können aber Neues besser mit vorhandener Erfahrung verknüpfen. Für Schulungen heißt das: an die Erfahrung anknüpfen, nicht daran vorbei.

Quellen

  • Knowles, M. S., Holton, E. F., Swanson, R. A. (2015): The Adult Learner, 8. Auflage, Routledge
  • Cepeda, N. J. u. a. (2006): Distributed practice in verbal recall tasks, Psychological Bulletin 132(3), yorku.ca
  • Pashler, H. u. a. (2008): Learning Styles: Concepts and Evidence, Psychological Science in the Public Interest 9(3), DOI
  • Clardy, A. (2018): 70-20-10 and the dominance of informal learning, Human Resource Development Review 17, DOI
  • Deci, E. L., Ryan, R. M. (2000): The „what“ and „why“ of goal pursuits, Psychological Inquiry 11(4)