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Schulungen und Lernangebote bauen

Erklärvideo erstellen: wann es hilft und wie es kurz bleibt

Von Thomas Kohns, Berufspädagoge · 02.11.2026 · 5 Minuten Lesezeit

Frau mit Notizblock vor einer Kamera auf einem Stativ, daneben Laptop und Hefte auf dem Tisch

Wer ein Erklärvideo erstellen will, denkt meist zuerst an die Technik: Kamera, Licht, Schnittprogramm. Die wichtigere Entscheidung fällt vorher. Braucht diese Frage überhaupt ein Video? Und wenn ja, welche eine Sache soll es zeigen? Ein Erklärvideo, das diese beiden Fragen beantwortet, ist schnell gemacht und wird geschaut. Eines, das alles erklären soll, wird lang, teuer und landet ungesehen im Ordner.

Dieser Artikel zeigt, wann ein Erklärvideo die richtige Form ist, wie Sie es mit einem Drehbuch in zwei Spalten planen und wie es kurz bleibt. Wie ein fertiges Lernvideo aufgebaut ist und welche Technik reicht, steht im Artikel Lernvideo erstellen. Wo Videos im Gesamtplan einer Schulung ihren Platz haben, beschreibt der Grundartikel Schulungskonzept erstellen.

Wann ein Erklärvideo hilft und wann nicht

Ein Video ist stark, wo sich etwas bewegt. Der Weg durch fünf Bildschirmmasken, der Griff an der Maschine, die Reihenfolge beim Verpacken: Das lässt sich in Worten nur mühsam beschreiben und in einem Video in einer Minute zeigen.

Für anderes ist ein Video die falsche Form. Wer eine Frist, einen Grenzwert oder eine Durchwahl sucht, will nicht spulen. Das gehört auf ein Blatt. Und wo es um das Warum geht, um Haltung oder um Abwägung im Einzelfall, hilft ein Gespräch mehr als jede Aufnahme, weil Rückfragen möglich sind.

Video, Text oder Gespräch?
Ein Erklärvideo lohnt sich dort, wo etwas gezeigt werden muss

Ein einfacher Test vor jeder Aufnahme: Stellen Sie sich vor, Sie erklären die Sache am Telefon, ohne dass Ihr Gegenüber etwas sieht. Geht das gut, reicht ein Text. Sagen Sie nach dem dritten Satz „Warte, ich zeig dir das mal“, dann ist es ein Fall für ein Video.

Erklärvideo erstellen in fünf Schritten

1. Eine Frage festlegen. Schreiben Sie die Frage so auf, wie jemand sie am Arbeitsplatz stellt: „Wie storniere ich eine Rechnung, die schon verschickt ist?“ Diese Frage wird der Titel. Gehören zwei Fragen zusammen, werden es zwei Videos.

2. Das Drehbuch in zwei Spalten schreiben. Links steht, was zu sehen ist, rechts, was gesagt wird. Mehr braucht es nicht. Eine Seite reicht für ein kurzes Video. Wird es länger, ist das ein Hinweis, dass noch eine zweite Frage darin steckt.

3. Laut lesen und kürzen. Lesen Sie den Text rechts laut, während Sie den Ablauf links mit der Hand durchgehen. Jeder Satz, bei dem auf dem Bild nichts passiert, ist ein Kandidat zum Streichen. Begrüßungen, Rückblicke und Ausblicke fallen fast immer weg.

4. In einem Stück aufnehmen. Nehmen Sie den Ablauf am echten Bildschirm oder am echten Gerät auf, mit echten, aber unbedenklichen Testdaten. Versprecher sind kein Grund für einen Neustart, solange die Aussage stimmt. Ein natürlicher Ton wirkt besser als ein auswendig gelernter.

5. Nur kürzen, nicht verschönern. Schneiden Sie Pausen und Wiederholungen heraus. Musik, Einblendungen und Übergänge lassen Sie weg. Dann eine Abschrift dazu, und das Video ist fertig.

Ein Beispiel: das Drehbuch für eine Frage

Ein ausgedachtes, aber typisches Beispiel: Im Innendienst eines Großhändlers fragen neue Mitarbeiter immer wieder, wie eine Teilgutschrift angelegt wird. Bisher erklärt das die erfahrenste Kollegin jedes Mal am Platz. So sieht das Drehbuch aus:

BildTon
Titelfeld mit der Frage„Ein Kunde schickt einen Teil der Lieferung zurück. So legen Sie die Gutschrift nur für diesen Teil an.“
Ursprüngliche Rechnung öffnen, Rechnungsnummer markiert„Sie gehen immer von der ursprünglichen Rechnung aus, nie von einem leeren Beleg.“
Knopf „Gutschrift“, dann Positionen sichtbar„Hier erscheinen alle Positionen. Sie lassen nur die stehen, die zurückkommen.“
Menge in einer Position ändern„Bei Teilmengen ändern Sie die Zahl. Achten Sie darauf, dass die Restmenge nicht hier steht.“
Feld „Grund“ ausfüllen„Der Grund ist Pflicht. Die Buchhaltung braucht ihn für die Rückfrage beim Kunden.“
Fertige Gutschrift in der Vorschau„Prüfen Sie den Betrag, bevor Sie speichern. Bei Fragen hilft Frau Lenz im Innendienst.“

Sechs Zeilen, ein Ablauf, ein typischer Fehler, eine Ansprechperson. Gesprochen ist das in rund einer Minute erledigt. Die Kollegin, die bisher erklärt hat, liest das Drehbuch gegen, bevor aufgenommen wird. So bleibt ihr Erfahrungswissen im Video, und sie muss nicht selbst vor die Kamera.

Wie das Erklärvideo kurz bleibt

Die Forschung zum Lernen mit Videos ist sich in einem Punkt einig: Kürze hilft. Philip Guo und Kollegen haben 2014 Millionen Videositzungen auf einer großen Lernplattform ausgewertet. Videos unter etwa sechs Minuten wurden deutlich häufiger zu Ende geschaut als längere. Cynthia Brame hat 2016 die Forschung zu Lernvideos zusammengefasst und daraus Empfehlungen abgeleitet. Die wichtigsten für Unternehmen: kurz halten, das Wesentliche hervorheben, alles Schmückende weglassen und die Zuschauer zu einer eigenen Handlung bringen.

Richard Mayer beschreibt in seinem Standardwerk zum multimedialen Lernen ähnliche Grundsätze. Wer einen längeren Ablauf in Abschnitte teilt, die Lernende in eigenem Tempo ansehen, erleichtert das Lernen. Und Zusätzliches, das nicht zur Sache gehört, stört eher, als dass es hilft.

Drei Fragen helfen beim Kürzen:

  • Würde jemand diesen Satz vermissen? Wenn nicht, raus.
  • Passiert auf dem Bild gerade etwas? Wenn nicht, ist der Satz vermutlich Einleitung oder Wiederholung.
  • Gehört das noch zur Frage im Titel? Wenn nicht, ist es ein eigenes Video.

Viele kurze Videos zu einzelnen Fragen sind auch das Prinzip von Microlearning. Sie lassen sich einzeln aktualisieren, wenn sich ein Ablauf ändert, ohne dass das ganze Material neu entsteht.

Selbst aufnehmen oder erstellen lassen?

Animierte Erklärvideos von Agenturen sehen gut aus und haben ihren Platz: wenn ein Video nach außen wirkt oder Inhalte erklärt, die sich über Jahre nicht ändern. Für interne Abläufe ist die eigene Aufnahme fast immer die bessere Wahl. Abläufe ändern sich, Masken bekommen neue Felder, und ein Video, das niemand im Haus nachbessern kann, ist nach dem ersten Update veraltet. Ein veraltetes Video schadet mehr als keines, weil man ihm glaubt.

Wer abwägen will, was im Haus bleibt und was nach außen geht, findet die Kriterien im Artikel Online-Schulung selbst bauen oder bauen lassen.

Häufige Fehler

  • Das Video beantwortet mehrere Fragen. Wer nur eine davon sucht, findet sie nicht und schaut nicht weiter.
  • Kein Drehbuch. Ohne Plan wird erzählt, und aus zwei Minuten werden zwölf.
  • Folien statt der Sache. Wer einen Bildschirmablauf erklärt, zeigt den Bildschirm.
  • Niemand ist für die Pflege zuständig. Legen Sie fest, wer das Video prüft, wenn sich der Ablauf ändert.
  • Das Video steht irgendwo. Es gehört dorthin, wo die Frage auftaucht: in den Lernpfad der Einarbeitung oder als Verweis neben das passende Nachschlageblatt.

Fangen Sie mit der einen Frage an, die bei Ihnen in den letzten Wochen am häufigsten gestellt wurde und bei der jemand gesagt hat: „Komm, ich zeig's dir.“ Schreiben Sie dafür das Drehbuch in zwei Spalten. Das erste Video ist meist an einem Vormittag fertig.

Häufige Fragen

Wie lang sollte ein Erklärvideo sein?

So kurz, wie die eine Frage es erlaubt. Eine Auswertung von Guo und Kollegen (2014) zeigt, dass Videos unter etwa sechs Minuten deutlich häufiger zu Ende geschaut werden. Für einen einzelnen Klickweg oder Handgriff reichen oft ein bis zwei Minuten.

Soll man ein Erklärvideo selbst erstellen oder erstellen lassen?

Für interne Abläufe, die sich ändern, lohnt es sich meist, selbst aufzunehmen, weil Sie dann auch selbst nachbessern. Eine Agentur lohnt sich eher für Videos, die lange gleich bleiben oder nach außen wirken, etwa zur Begrüßung neuer Mitarbeiter.

Was braucht man, um ein Erklärvideo zu erstellen?

Ein Drehbuch auf einer Seite, ein Telefon oder ein Programm für Bildschirmaufnahmen und vor allem guten Ton. Ein einfaches Ansteckmikrofon verbessert ein Video mehr als eine teure Kamera.

Quellen

  • Guo, P. J., Kim, J., Rubin, R. (2014): How video production affects student engagement, ACM Learning@Scale, DOI
  • Brame, C. J. (2016): Effective educational videos: Principles and guidelines for maximizing student learning from video content, CBE Life Sciences Education 15(4), DOI
  • Mayer, R. E. (2021): Multimedia Learning, 3. Auflage, Cambridge University Press, DOI