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Schulungen und Lernangebote bauen

Didaktische Reduktion: weglassen, was niemand braucht

Von Thomas Kohns, Berufspädagoge · 14.09.2026 · 2 Minuten Lesezeit

Aufgeräumter Schreibtisch mit wenigen Arbeitsmitteln

Wer sein Fach seit zwanzig Jahren beherrscht, hält alles für wichtig. Jede Ausnahme hat schon einmal Ärger gemacht, jedes Detail hat seinen Grund. Wenn diese Person eine Schulung baut, kommt alles hinein. Das Ergebnis ist vollständig und für die Teilnehmenden kaum zu bewältigen.

Didaktische Reduktion ist das Handwerk, das dagegen hilft. Der Begriff stammt aus der Berufspädagogik, Gustav Grüner hat ihn in den 1960er-Jahren geprägt.

Zwei Richtungen

Zwei Richtungen der didaktischen Reduktion
Vereinfachen ja, verfälschen nein

In die Breite (horizontal): weniger Themen, weniger Sonderfälle, weniger Beispiele. Die Frage lautet: Was braucht die Person für ihre Aufgabe, und was ist nur interessant?

In die Tiefe (vertikal): dasselbe Thema einfacher darstellen. Ein Bild statt einer Tabelle, ein Vergleich aus dem Alltag statt einer Definition, die Regel statt der Herleitung.

Die Grenze ist die Richtigkeit. Was vereinfacht wird, darf nicht falsch werden. „Strom fließt wie Wasser“ ist eine brauchbare Vereinfachung für den Anfang. Eine Vereinfachung, die später wieder verlernt werden muss, ist keine.

Vier Fragen für jeden Inhalt

  1. Braucht die Person das für ihre Aufgabe? Wenn nein: raus.
  2. Braucht sie es sofort oder erst später? Wenn später: in eine spätere Einheit.
  3. Muss sie es können oder nur nachschlagen? Wenn nachschlagen: in eine Unterlage, nicht in die Schulung.
  4. Geht es einfacher, ohne falsch zu werden? Wenn ja: einfacher.

Dahinter steht ein Befund der Lernforschung. John Sweller hat beschrieben, dass das Arbeitsgedächtnis nur wenig gleichzeitig verarbeiten kann. Jede zusätzliche Einzelheit belastet es, auch wenn sie richtig ist. Weniger Stoff heißt deshalb oft mehr Gelerntes.

Ein Beispiel

Eine Schulung zur Reklamationsbearbeitung im Innendienst, wie sie die Fachperson zuerst geplant hatte:

  • Rechtliche Grundlagen der Gewährleistung, mit Paragrafen
  • Unterschied Garantie, Gewährleistung, Kulanz
  • Alle 23 Fehlerkategorien im System
  • Ablauf der Reklamation in der Qualitätssicherung
  • Statistik der Reklamationen der letzten drei Jahre
  • Sonderfälle bei Auslandskunden
  • Das Anlegen der Reklamation im System

Nach den vier Fragen blieb übrig:

  • Das Anlegen der Reklamation im System, an drei echten Fällen
  • Gewährleistung oder Kulanz, als Entscheidungshilfe mit zwei Fragen
  • Die fünf häufigsten Fehlerkategorien, der Rest zum Nachschlagen
  • Wohin mit Sonderfällen: eine Ansprechperson

Die Paragrafen, die Statistik und die Abläufe in der Qualitätssicherung wurden nicht gestrichen. Sie stehen in einer Unterlage zum Nachschlagen. In der Schulung hätten sie nur Platz gekostet.

Häufige Fehler

Kürzen durch Weglassen der Beispiele. Fachleute streichen oft die Beispiele, weil die ja „nur zur Veranschaulichung“ sind. Gerade die Beispiele tragen aber das Lernen. Streichen Sie lieber Theorie.

Alles in einen Satz pressen. Wer zehn Punkte in eine Folie schreibt, hat nicht reduziert, nur verdichtet.

Falsch vereinfachen. Eine Regel, die in jedem dritten Fall nicht stimmt, ist keine Vereinfachung, sondern ein Fehler mit Ansage.

Die didaktische Reduktion ist der vierte Schritt im Schulungskonzept. Sie gelingt leichter, wenn die Lernziele vorher feststehen, denn dann gibt es einen Maßstab, was hineingehört.

Häufige Fragen

Was ist didaktische Reduktion?

Die Auswahl und Vereinfachung von Lerninhalten, damit sie für eine bestimmte Zielgruppe fassbar werden. Die Grenze ist die fachliche Richtigkeit: Vereinfachen ist erlaubt, verfälschen nicht.

Was ist der Unterschied zwischen horizontaler und vertikaler Reduktion?

Horizontal heißt: weniger Themen, Beispiele und Details. Vertikal heißt: dasselbe Thema einfacher darstellen, etwa mit einem Bild oder einem Vergleich statt einer Formel.

Quellen

  • Grüner, G. (1967): Die didaktische Reduktion als Kernstück der Didaktik, Die Deutsche Schule 59
  • Lehner, M. (2012): Didaktische Reduktion, Haupt Verlag (UTB)
  • Sweller, J. (1988): Cognitive load during problem solving, Cognitive Science 12(2)